Wir haben ein Ensemble. Die Rollenverteilung ist festgelegt, alle sind einverstanden. Nur die Ensemblemitglieder wissen es noch nicht.
Mir kommt nun die erfreuliche Aufgabe zu – ich habe mich darum gerissen – die Mitspieler zu informieren. Ich werde ihnen sagen, dass sie dabei sind und welche Rolle sie spielen dürfen.
Die meisten werden bestimmt erfreut, vielleicht auch überrascht, aber doch zufrieden sein, mit der ihnen zugedachten Rolle. Aber ich befürchte, es wird auch Enttäuschungen geben. Einige der Kinder haben von großen Rollen geträumt und bekommen “nur” Nebenrollen.
Als Testkaninchen mussten die eigenen Kinder herhalten. Sie waren die Ersten, denen die frohe Botschaft verkündet wurde.
Freude, als solche nicht erkennbar.
Betröppelte Gesichter.
Ruhe, kein Jubel.
…
Wahrscheinlich werde ich weitere Erfahrungen dieser Art machen. Ich werde weiteren Betties* und Totos traurige Nachrichten überbringen…
Ich frage mich, ob es wirklich geschickt war, auf der Mitmachliste die Spalte “Rollenwunsch” vorzusehen. Hilfreich für’s Regieteam. Klar. Gibt es doch Hinweise, welche Vorlieben die Leute haben, was sie sich zutrauen. Oft bergen diese Angaben interessante Möglichkeiten, die bisher außerhalb jeder Betrachtung lagen. Gerade die gewagten, die atypischen Besetzungen können einer Inszenierung das gewisse Etwas geben. Und fast immer ist ein Anstoß von außen der Auslöser. Warum nicht vom Schauspieler selbst?!
Aber.
Die Gefahr des Rollenwunsches liegt darin, dass der Wunschgedanke greifbar wird. “Ich habe ihn aufgeschrieben. Die Regie weiß, dass ich das will. Ich wurde gefragt! Sie werden ihn bestimmt berücksichtigen. Da waren nicht viele. Und so gut wie die, bin ich allemal! Ich werde die Rolle hoffentlich bekommen. Ich werde die Rolle bestimmt bekommen. Ganz bestimmt.”
Und dann bekommen sie eine andere Rolle.
Keine Hauptrolle…
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Ich glaube nicht, dass ich bei einem nächsten Mal, Rollenwünsche äußern lassen werde. Nicht bei Kindern. Sie sollen sich freuen können. Sie sollen sich freuen, dass sie dabei sind. Sie sollen sich freuen können, dass sie eine Rolle haben, die besser, die anspruchsvoller ist, als das letzte Mal. Sie sollen sich freuen können, über die Rollen, die zu ihnen passen.
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* Im Original heißt die Hauptfigur Dorothy. Bei uns heißt sie Betty.